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Donnerstag, 11. November 2010

Pierre Bourdieu - Soziologische Fragen II

"Eine bedeutsame Eigenschaft eine Feldes besteht darin, daß es Undenkbares enthät, das heißt Dinge, die überhaupt nicht diskutiert werden. Es gibt die Orthodoxie und die Heterodoxie, aber auch die Doxa, das heißt die Gesamtheit dessen, was als Selbstverständliches hingenommen wird, insbesondere die Klassifiktationssysteme, die festlegen, was als interessant bewertet wird und was als uninteressant, wovon niemand denkt, daß es erzählt zu werden verdient, weil keine (Nach)Frage besteht. ... Das Verborgenste ist das, worüber alle Welt sich einig ist, so einig, daß nicht einmal darüber gesprochen wird, ist das, was außer Frage steht, was selbstverständlich ist. Das was die historischen Dokumente am komplettesten im Dunkel zu belassen drohen, da niemand auf den Gedanken kommt, das Selbstverständliche festzuhalten; das, was die Informanten nicht sagen oder wenn, dann nur, indem sie es auslassen, indem sie schweigen." (BOURDIEU S. 81 - Soziologische Fragen)

Einfach ist es, sich mit fremden Federn zu schmücken. Besser könnte ich meine Gedanken aber nicht zu Wort bringen, deshalb sind sie geliehen.
In meiner Feldforschung in Juchitan, Mexiko, habe ich diese Erfahrung auch gemacht: die Geschlechterdifferenzen sind kaum Thema des alltäglichen Gesprächs. Auch wenn der Diskurs durch das internationale Interesse an der Region angeregt wurde, bis in die Häuser der Bewohner der ruralen Kleinstadt ist er keineswegs durchgedrungen. So haben manche als Antwort auf die Frage: Was bedeutet Mann(-sein) für dich? nur jene Antwort parat: Ein Mann ist ein Mann. Basta.




Pierre Bourdieu - Soziologische Fragen

P. Bourdieu auf der Tagung "Ethnologie und Politik im Maghreb" im Jahre 1975: "Erste Frage: Hier wurde beschlossen, über Sozialgeschichte der Sozialwissenschaft zu sprechen usw. Ist das von Interesse? Dies ist ein Typ von Frage, der nie gestellt wird: Wenn wir hier sind, um darüber zu reden, dann schätzen wir, daß das von Interesse ist. Aber zu sagen, daß wir an einem Problem interessiert sind, ist eine euphemistische Art und Weise, um jene Grundtatsache zu benennen: Daß für uns in unseren wissenschaftlichen Produktionen vitale Interessen stecken. Diese Interessen sind nicht unmittelbar ökonomisch oder politisch, sie werden als interessenlos erlebt: Den Intellektuellen ist es eigen, interesselose Interessen zu haben, Interesse an der Interesselosigkeit zu haben. Wir haben Interesse an den Problemen, die uns interessant erscheinen. Das bedeutet, daß zu einem bestimmten Moment eine bestimmte Gruppe von Wissenschaftlern ein Problem als interessant konstituiert, ohne daß eine einzelne Person dies entscheiden würde: Eine Tagung veranstalten, eine Zeitschrift wird gegründet, Artikel, Bücher, Rezensionen werden geschrieben. Es "zahlt sich aus", über dieses Thema zu schreiben, das bringt Profite, Gewinne, Vorteile ein, weniger in Form von Autorenhonoraren (das mag mitspielen) als in form von Prestige, symbolischer Gratifikation usw." (BOURDIEU S. 77 in Soziologische Fragen)


Wie durch Zufall ist mir diese Textstelle heute in die Hände gefallen.
Ich schätze mich glücklich mit diesem Zitat meinen Blog ins Leben zu rufen.
Eine gendergerechte Formulierung müssen wir uns für dieses Zitat selbst denken. Es sei in diesem Fall gestattet, da aus einer anderen Epoche.